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Rezension des Buches "Pure Präsenz"
Die im Mai 2010 erschienene deutsche Übersetzung des 2009 in den USA veröffentlichten Buches "Naked Now" von Richard Rohr ist in einiger Hinsicht besser als das Original. Der Claudius-Verlag hat in die äußere Gestaltung mehr investiert als der amerikanische Verlag. Der Schriftsatz ist angenehm zu lesen. Die fortlaufende Kapitelüberschrift befindet sich hochkant über der Seitenzahl in der Mitte des Randes. Aus dem Originaltitel "Nacktes Nun" wurde unter Beibehaltung einer Alliteration "Pure Präsenz".
Der Übersetzer Andreas Ebert ist evangelischer Pfarrer und ein Freund des Autors. Er hat eine flüssig zu lesende Übersetzung abgeliefert, die Wert auf Verständlichkeit legt. Sehr gut finde ich, dass Bibelzitate nicht nur - wie im Original - als Stellenangaben auftauchen, sondern in Fußnoten vollständig auf der jeweiligen Seite zu lesen sind. Auf der Copyright-Seite steht, dass es in der Regel Paraphrasen des Übersetzers sind. Weil die Bibelstellen zitiert werden, bekommen sie im Kontext der Interpretation des Autors für den Leser ein neues Gesicht.
Dass ein amerikanischer Autor vor allem amerikanische Sekundärliteratur verarbeitet, ist verständlich und an den Fußnoten der Originalausgabe abzulesen, die dort inhaltlich am Ende des Buches zusammengefasst wurden. Für mich unverständlich ist, weshalb fast alle Fußnoten, die auf englischsprachige Literatur verweisen, in der Übersetzung eliminiert wurden. Selbst Hinweise auf eigene Konferenzen des Autors und deren Mitschnitte wurden weggelassen. Ebenso leider auch Querverweise auf die im Anhang befindlichen 10 Übungen. Wer somit etwas über das geistige Umfeld von Richard Rohr erfahren will, muss in das Originalwerk schauen.
Ebert übersetzt das standardmäßig vom Autor benutzte "you" in der Anrede des Lesers mit "man". Das ist zwar in Übersetzungen üblich, verhindert aber das persönliche Angesprochensein, das bei einem Mann wie Richard Rohr, dessen großartiges Rednertalent auch stets in den Schriften zum Vorschein kommt, ein zentrales Element in der Wirkung seiner Aussagen ist. Durch die direkte Ansprache mit "du" kommt persönliche Betroffenheit zustande. Wenn der Übersetzer dann doch an manchen Stellen auf das persönliche "du" umschwenkt, wird es mit der Begründung schwierig, warum er gerade diese Stellen auswählt und nicht auch andere.
"Sehen lernen wie die Mystiker" lautet der Untertitel des Buches. Sein Kernthema ist die Wiederbelebung der mystischen Tradition des Christentums und die dazu erforderliche Überwindung dualistischer Sichtweisen. Dieses Buch eröffnet aus christlicher Sicht neue Perspektiven, weil es einerseits die vergessene kontemplative Tradition des Christentums wieder in Betracht zieht und andererseits zum Kern von Spiritualität vorstößt, in dem eine fruchtbare Begegnung mit anderen religiösen Traditionen stattfinden kann.
"Präsenz erfährt man als Teilhabe außerhalb des Verstands." (S. 62). In diesem Werk geht es um die Überwindung der dualistischen Sichtweise des Verstandes. Der Verstand kann nicht anders, als die wahrgenommene Wirklichkeit zweiwertig darzustellen: schwarz/weiß, oben/unten, gut/schlecht. Die mystische Tradition lehrt die Überwindung dieser Dichotomien, indem der Fokus der Wahrnehmung von dem Instrument "Verstand" gelöst wird. Im Leben Jesu wird eine Präsenz vorgeführt, die ihren Schwerpunkt im Herzen hat. Das Herz und der Körper nehmen anders wahr als die Ratio. Es gibt keine Technik zur Überwindung, keine instrumentelle Bewältigung der beiden Großmächte in unserem Leben: Liebe und Leiden. Wenn wir loslassen und uns ihrem Wirken überlassen, gelangen wir in verwandelter Form wieder in eine ursprüngliche Lebendigkeit.
Jesus hat im kontemplativen Gebet einen Zugang zu dem gefunden, was er als Person "Vater" und als Wirkungsmacht "Reich Gottes" nennt. Die von dort ausgehende Gnade nimmt in ihrer Freiheit keine Rücksicht auf Systeme, die der Verstand geschaffen hat: der "richtige" Glaube, der "bessere" Mensch oder das "höhere" Denken. Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil Gott gut ist (S. 92). Bedingungslose Liebe ist nur für den möglich, der den Bereich desjenigen, der Bedingungen setzt - den Verstand -, loslässt. Halten wir an ihm fest, sehen wir "die Dinge nicht, wie sie sind; wir sehen die Dinge, wie wir sind" (S. 95).
Das "Umdenken" (metanoia) setzt voraus, dass wir das dualistische Denken des Ego verlassen. Das kontemplative Gebet versetzt uns auf die Ebene eines alternativen Bewußtseins, das uns eine Erleuchtung vermittelt, die im Vertrauen auf das Große Selbst wurzelt. Hier werden wir einem Prozess unterworfen, der uns in die Mitte des Seins führt. Wenn wir zur nichtdualen Einheit finden, wird der Verstand zu einem Diener unseres Menschseins. Er kann die Erfahrung Gottes jetzt so ausdrücken, dass auch für andere ein Weg gewiesen wird, sich auf diese Begegnung einzulassen. Das Licht leuchtet in der Finsternis.
"Du liebst so, wie du selbst Liebe erfahren hast." (S. 152) Zur Liebe bin ich nur fähig, wenn ich loslasse: Ich habe keine Kontrolle. Im Loslassen kehre ich zur Wurzel zurück. Im "radikalen" Überlassen finde ich in den gemeinsamen Bereich, in dem das Große Selbst Gottes und mein Kleines Selbst noch nicht auseinandergefallen sind. Die neue Unschuld zeigt uns den "Geist Christi", in dem wir erwacht in inniger Gemeinschaft mit dem Geist des Lebens leben. Wir nehmen jetzt teil am Festmahl, zu dem alle geladen sind.
Richard Rohr - in seiner Verbindung von Lebens- und Lehrmeister für mich ein Meister Eckehart der Gegenwart - schlägt am Ende des Buches eine Brücke zu modernen Erkenntnissen der Wissenschaft. In den Paradoxien wissenschaftlicher Erkenntnisse manifestiert sich eine Widersprüchlichkeit des Verstandes, die nur durch den trinitarischen Tanz der personalen Transformation überwunden werden kann. Wir erkennen das Bild Gottes in uns, weil Gott uns nach seinem Bilde geformt hat. Die zum Schluß aufgeführten 10 Übungen können uns in jene Erfahrungstiefe führen, in der das achtsame, kontemplative Gebet aus der Freude des nichtdualen Geistes unser Leben verwandelt.
Besprechung durch Peter Pfandt